Mar 22

Von gestern abend bis heute abend war ich ca. 30 km östlich von München auf einem so genannten “Retreat“. Das ist eine Veranstaltung, bei der man sich besonders auf die meditative Praxis konzentrieren soll.

Ich betreibe ja schon seit einiger Zeit Zen-Meditation, aber das war ein herausragendes Erlebnis. Die Veranstaltung wurde von dem Laien-Priester Jeff Shore und der Zen-Nonne Sozui, bei der ich sonst regelmäßig übe, geleitet. Wir waren auf einem speziell dafür eingerichteten Hof mitten am Land unter gebracht. Die Zendo (der Meditationsraum) dort ist sehr schön eingerichtet, richtig in authentischem Stil.

Gang zum Zendo

Gang zum Zendo


Der Meditationsraum

Der Meditationsraum

Ich wollte schon länger einmal ausprobieren, was es wirklich auf sie hat mit dem Meditieren und ob intensiveres Meditieren tatsächlich solche Veränderungen bewirken kann. Denn einmal pro Woche 95 Minuten sitzen, ist halt doch nicht so intensiv. Es ist nur ein Anfang.

Um so mehr war es dann dieses Wochenende. Nach einem gemeinsamen Abendessen folgte eine Einführung in das Vorgehen und viel theoretischer Hintergrund. (Geschichten über Entstehung, Begründungen etc.) Jeff begrüßte alle mit Dankesworten: “Thank you all for coming.” Langsam wird mir klar, woher manch CEO seine Rhetorik bezieht. Anschließend dann kurzes Sitzen, die häufigste Meditationsform, und Gehen (Kinhin). Danach sollte bis zum Ende am nächsten Abend möglichst kein Wort mehr gesprochen werden. Zumindest kein unnötiges, kein Smalltalk und keine Worte, wenn die nächste Handlung durch Rituale eh bereits jedem klar war. Erklärungen gab es dafür zwischendurch sehr viele verbal.
Alle Teilnehmer waren natürlich mit den Grundlagen, den Ritualen, Techniken, Sitzpositionen etc. bereits vertraut. Dennoch waren viele Anfänger, so wie ich. Ich weiß nicht genau, wo man die Grenze zwischen Anfänger und Fortgeschrittenem ziehen kann, aber vermutlich ist man mindestens die ersten zwei Jahre Anfänger. Denn wie ich selbst wieder gesehen habe, sind die Techniken alles andere als einfach zu meistern. Selbst wenn es im Grunde nur eine Handvoll sind.

Das Besondere war, dass man jederzeit aufstehen konnte, sich vor dem “Meister” verbeugen, worauf hin man von diesem dann im Einzelgespräch Fragen zur Meditationspraxis stellen konnte. Und das zu jedem beliebigen Zeitpunkt. “24h Stunden am Tag.”

Und wir saßen auch so lange: Bis 4.30 saßen wir, jeweils 45 Minuten und dann 15 Min. Pause, zwischendurch zusätzlich noch größere Pausen. Um 6.30 ging es dann gleich wieder weiter und den ganzen Tag über im gleichen Stil wie vorher: Ca. 45 Min. Sitzen, dann Pause oder Gehmeditation. Keine aufwendigen Rituale, keine Mystik und dergleichen. Einfach konzentrierte Meditation und wenig Schlaf.

Nach einigen Stunden beginnt dann langsam alles weh zu tun. Erst eher schwach, am nächsten Morgen dann irgendwann stark. Gleichzeitig habe ich natürlich auch unterschiedliche Sitzpositionen ausprobiert, einige davon sehr schmerzhaft. Beim Zen nimmt man solche Schmerzen dann nicht weiter zur Kenntnis. Man tut nicht so, als wären sie nicht da, im Gegenteil. Wenn man Schmerzen hat, wird man “eins mit ihnen”, wenn man Freude verspürt, wird man auch eins mit ihr.
Und dieses “eins werden” ist kein leeres Gerede, sondern wird konkret über exakt einen Vorgang herbei geführt: Die Konzentration auf die (Bauch-)Atmung.

Zen-Meditation besteht also im Prinzip nur darin, sich den ganzen Tag auf die Bauch-Atmung zu konzentrieren, weiter nichts.

Ich habe dabei die ganze Palette an Gefühlszuständen erlebt: Von dem plötzlichen Überströmtwerden mit Freude und vielen Bildern, über Unruhe und übermäßige Wahrnehmung von Angsterlebnissen (z. B. Erinnerungen) bis hin zu dem Gefühl, gleich Körperteile zu verlieren, weil man den Fuß nicht mehr spürt und nicht mehr bewegen kann.

Es ist eine große Herausforderung, sich wirklich auf seinen Atem zu konzentrieren. Auch in solch einer Umgebung: Mitten am Land, in einem schnörkellosen Raum mit lauter anderen, die das selbe tun und mit denen man auch keine ablenkenden Gespräche führt. Und auch in dieser exzellenten Atmosphäre von sehr freundlichen, bescheidenen und ehrlichen Menschen, die sich alle gegenseitig bei der Praxis unterstützen. Das Gefühl echter Konzentration erreicht man dann in so vielen Stunden höchstens ein paar Mal für wenige Minuten. Und die reichen.

Insgesamt war das ganze durchaus harte Kost. Es waren gerade exakt 24h Stunden, die es dauerte und trotzdem ein sehr intensives und Kräfte zehrendes Erlebnis. Es gab keinen Diktator, keinen Druck. Im Gegenteil: Zwei sehr freundliche Leiter und eine aufgeschlossene Gruppe. Die Härte hatte ich mir nur selbst auferlegt durch die ernsthafte Übung.

Ich bin gespannt, wohin mich diese Reise noch führt.

Nov 15

Ich bin zur Zeit auf meinem persönlichen “Klasse statt Masse”-Trip. Deswegen war in den letzten Wochen die Blog-Post-Quote in meinem Blog auch etwas irregulär. Es gab eine Reihe an Tagen, an denen ich nicht das Gefühl hatte, etwas besonders Sinnvolles teilen zu können. In den letzten Tagen fällt mir da wieder mehr ein.

Und ich habe gerade einen interessanten Artikel gelesen, der von etwas Ähnlichem handelt: die Qualität des Netzwerkes im Sinne von “kenne ich die Leute, die mir in Twitter follown und die ich als ‘Freunde’ in diversen Social Networks habe, wirklich oder sind sie im Grunde nur Zuhörer und ich bin auf dem Weg zu einem Massenmedium, das nur mehr von Monolog geprägt ist”.

Mir ist schon seit einiger Zeit aufgefallen, dass einige Twitter mehr wie IRC benutzen, also mehr ständige Diskussion führen, als einzelne Statements mit etwas mehr Gehalt (die dann zwar über Replies verknüpft sein können, aber nicht nur Momentgedanken darstellen). Und offensichtlich scheint auch fast ein Wettkampf darüber ausgebrochen zu sein, wer die meisten Follower hat.

Das war doch alles nicht der Sinn von Web 2.0. Das klingt alles genau so wie die Quotenmessungen vom Fernsehen. Es geht mehr darum, wie viele zuhören, nicht wer genau zuhört. Web 2.0 mutiert zurück zu Web 1.0. (Was nichts Neues ist. Der Umstand, dass es wenige Leader gibt und viele Schafe, wodurch aus einer anfangs hierarchielosen Gruppe schließlich ein Team mit stärkerer Hierarchie wird, ist eines der menschlichsten Phänomene überhaupt.)

Was ich so faszinierend finde, ist, dass genau diese Entwicklung von Web 2.0 mit fast jeder neuen Technologie auch auftritt. Zuerst beginnt alles einfach, dann kommen langsam die Formalisierungen und das Universum zu der Technologie konsolidiert sich auf wenige Technologien, das geht eine Zeit lang gut und dann geht es vielen Menschen auf die Nerven. Dann werden die Strukturen wieder in Stücke gerissen, laut “back to roots” gerufen und man konzentriert sich wieder auf weniger, einfachere Strukturen. Wie bei Zen. Das vermittelt den Eindruck, dass die Menschen nie so wirklich dazu lernen würden. Warum ist das so?